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Gedichte analysieren im Abitur: Infos und Tipps zum Vorgehen

Gedichte analysieren am Beispiel von Andreas Gryphius "An die Sternen"

Gehörst du zu den Schülerinnen und Schülern, die einen großen Bogen um das Gedichte analysieren machen? Zu unverständliche Texte, zu viele Fachausdrücke bei der Analyse, zu große Spielräume bei der Deutung – das sind nur einige Vorbehalte gegen lyrische Texte. In unserem Beitrag zeigen wir dir, warum du der Gedichtanalyse noch eine Chance geben solltest.

Gedichte analysieren hat auch Vorteile

Gedichte analysieren scheint auf den ersten Blick eine komplexe Angelegenheit zu sein. Doch die Analyse lyrischer Texte bietet bei genauerem Hinsehen einige Vorteile:

  • Der vergleichsweise geringe Textumfang lässt in der Prüfung ausreichend Zeit für eine intensive Beschäftigung mit dem Gedicht.
  • Die Analyse und Interpretation von Gedichten kann man gut trainieren.
  • Die sukzessive Erschließung eines Gedichts gleicht einer Entdeckungstour, auf der genug Raum für eigene Perspektiven ist.

Gedichtanalyse im Abitur: Inhalt, Form und Sprache untersuchen

Eine Besonderheit lyrischer Texte besteht in ihrer kunstvollen Gestaltung. Es ist nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern auch, mit welchen formalen und sprachlichen Mitteln es zum Ausdruck gebracht wird. Bei der Analyse eines Gedichts gilt es, die vielfältigen Bezüge zwischen Inhalt, Form und Sprache darzulegen. Dabei ist dein Blick für Details gefragt.

Bevor du also anfängst, eine Lösung zu einer Gedichtaufgabe zu schreiben, solltest du dir ausreichend viel Zeit für die Bearbeitungsphase nehmen. In der folgenden Schritt-für-Schritt-Anleitung erfährst du, an welchem Vorgehen du dich bei der Analyse eines Gedichts orientieren kannst.

1. Lasse das Gedicht auf dich wirken

Zu Beginn der Prüfung hast du sicher das Gefühl, die Zeit drängt. Aber der Augenblick, in dem du dem Text zum ersten Mal begegnest, ist wichtig. Es geht darum, dir einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Lies dir dafür Strophe für Strophe, Vers für Vers durch und lasse sie auf dich wirken. Welche Bilder erscheinen vor deinem geistigen Auge? Wie wirkt das Gedicht insgesamt auf dich: Eher heiter, rätselhaft, witzig, märchenhaft, gruselig, traurig oder anklagend?

In dieser Phase geht es darum, ein erstes Gespür für die Eigenart des Textes zu entwickeln. Du musst noch nicht alles verstehen. Oft sind gerade die Stellen, über die man beim ersten Lesen stolpert, für die Erschließung besonders lohnenswert.

2. Erschließe bei der Gedichtanalyse den Kerninhalt

Um den Inhalt des Gedichts zu durchdringen, musst du es mehrmals lesen und deine Beobachtungen notieren. Am besten schreibst du deine Notizen direkt auf das Textblatt. Am Ende der ersten Bearbeitungsphase sollte die Angabe vollgespickt sein mit deinen Anmerkungen. Also, Ärmel hochkrempeln, Stift zur Hand und los gehtʼs mit der Analyse!

An erster Stelle steht die Aneignung des Inhalts. Lies dir die erste Strophe mehrmals durch und finde eine passende Überschrift für diese Versgruppe. Verfahre ebenso bei der zweiten Strophe, der dritten u.s.w. Die Überschriften liefern dir bei der Zusammenfassung des Kerninhalts die passenden Stichworte.

Vergegenwärtige dir bei diesem Schritt auch, wie eine bestimmte Erfahrung oder ein spezielles Thema entfaltet wird. Stell dir dazu folgende Fragen:

  • Ist eine bestimmte Sprechersituation erkennbar (Ort, Zeit, Perspektive des lyrischen Ichs)?
  • Wie entwickeln sich Wahrnehmung, Fühlen und Denken des lyrischen Ichs? Weist das Gedicht Zäsuren, also abrupte inhaltliche Einschnitte, auf?
  • Kannst du das Gedicht einer bestimmten Art von Lyrik zuordnen, etwa im Hinblick auf das Thema (z.B. Reiselyrik, Liebeslyrik, Naturlyrik) oder die Sprechersituation (z. B. Gedankenlyrik, Rollenlyrik, Erlebnislyrik)?

Tipps zur Inhaltsanalyse eines Gedichts

  • Markiere die im Text enthaltenen Personalpronomina und Anredeformen. Das hilft bei der Klärung der Sprechersituation.
  • Kennzeichne daneben Schlüsselwörter. Diese geben dir Hinweise auf den thematischen Schwerpunkt des Gedichts.
  • Lege ein Augenmerk auf die Syntax. Die syntaktische Gliederung des Gedichttextes liefert oftmals auch Hinweise auf dessen gedanklichen Aufbau.
  • Aktiviere dein Vorwissen. Im Laufe deiner Schulzeit hast du ganz verschiedene lyrische Texte kennengelernt, beispielweise im Hinblick auf Themen und Formen. Das hilft dir bei der Einordnung des Textes, der dir in der Prüfung vorliegt.
  • Achte auch auf Worterläuterungen. Sie liefern nicht selten zusätzliche Informationen und schützen vor Missverständnissen (z. B. bei Bedeutungsverschiebung einzelner Wörter).

3. Untersuche die Form des Gedichts

Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst – diese Begriffe sind dir aus dem Deutschunterricht längst vertraut. Bei der Beschäftigung mit Gedichten im Rahmen der Abiturvorbereitung wirst du jedoch merken: Mit Lyrik-Fachvokabular könnte man ein ganzes Wörterbuch füllen. Aber keine Panik! Wenn du dir die Grundlagen für die formale Analyse angeeignet hast, bist du gut für die Prüfung gerüstet. Die folgenden Bereiche bei der Analyse der Form solltest du dabei in den Blick nehmen:

Gedichtformen

  • inhaltliche Bestimmung (z. B. Natur- oder Liebesgedichte)
  • formale Bestimmung (z. B. Sonett oder Lied)

Strophenformen

  • Strophen mit eigenem Namen (z. B. Volksliedstrophe oder Distichon)
  • Strophen ohne eigenen Namen (Versgruppen, die metrisch gleich gebaut sind, für die es aber keine feste Bezeichnung gibt)

Reim

  • Reimqualität (z. B. reiner/unreimer Reim, Waise, Assonanz)
  • Reimanordnung (z. B. Paarreim, umarmender Reim, Kreuzreim oder Schweifreim)

Metrum

  • regelmäßige Alternation bei Jambus, Trochäus, Daktylus, Anapäst
  • unregelmäßige Folge von Hebungen und Senkungen

Rhythmus

  • gleichmäßiger Rhythmus (z. B. fließend)
  • unregelmäßiger Rhythmus (z. B. stockend)

Vers

  • Versformen (z. B. Alexandriner, Hexameter oder Knittelvers)
  • Versanfang und -ende (Auftakt, männliche und weibliche Kadenzen)

Manche Gedichte sind durch Formstrenge gekennzeichnet, andere verzichten dagegen ganz auf traditionelle Formen. Das solltest du beim Untersuchen der formalen Gestaltung eines Gedichts im Hinterkopf behalten. Bei der Analyse der Gedichtform musst du also Schwerpunkte setzen, die der Eigenart des jeweiligen Textes gerecht werden. Und Vorsicht – die formale Analyse ist kein Selbstzweck! Sie hilft dir dabei, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • In welchen Zusammenhang stehen Inhalt und Form des Gedichts?
  • An welchen Stellen im Gedicht gibt es Abweichungen von einem Muster?
  • Lassen sich Abweichungen mit Blick auf den Inhalt erklären?

Tipps zur Analyse der Gedichtform

  • Eigne dir Hintergrundwissen zu den Formaspekten der Lyrik an. Wenn du weißt, aus welcher Tradition eine bestimmte Form stammt, kannst du deiner Analyse inhaltliche Tiefe verleihen.
  • Die Bestimmung des Metrums kann man üben. Markiere bei einem beliebigen Gedicht jede betonte Silbe in einer Verszeile mit einem Strich und prüfe, ob sich ein Muster beim Wechsel von betonten und unbetonten Silben ergibt. Deine Ergebnisse kannst du mithilfe des Metricalizers überprüfen. Du kopierst das Gedicht in ein Textfeld und erhältst die metrische Bestimmung.

4. Analysiere die Sprache des Gedichts

Verdichtete Sprache, das ist ein wesentliches Kennzeichen von Gedichten. Wort und Klang entfalten eine unmittelbare Wirkung – so wie beim Hören von Musik. Finde im nächsten Analyseschritt heraus, welche sprachlichen Mittel im Text zu finden sind und welche Wirkung mit diesen Mitteln verbunden ist. Die wichtigsten Stilmittel solltest du dafür beherrschen – von A wie Anapher bis Z wie Zeugma. Bedenke, dass daneben aber auch folgende Aspekte der Sprache zu untersuchen sind:

  • Wortfelder (z.B. Begriffe aus den Bereichen „Natur“ oder „Technik“)
  • Wort- und Satzarten (z.B. Häufung von Adjektiven oder Fragesätzen)
  • Satzbau (z.B. Aposiopesen, also Satzabbrüche)
  • Sprachebene (z.B. Umgangssprache)
  • Zeitstufe (z.B. Wechsel vom Präsens ins Futur)

Wichtig ist, sprachliche Mittel nicht einfach nur zu benennen, sondern auch ihre Wirkung zu erklären. Stelle dafür einen Zusammenhang zwischen Inhalt und Sprache her. Die Verwendung von Kurzversen und eines einfachen Satzbaus könnte beispielsweise Ausdruck für Begeisterung und Gefühlsüberschwang sein. Die Wirkung eines sprachlichen Mittels muss je nach Kontext stets neu ermittelt werden. Oder anders gesagt: Es gibt nicht die eine Wirkung, die ein bestimmtes Stilmittel nach sich zieht. Eine Klimax kann an einer Stelle zunehmendes Entsetzen ausdrücken. An einer anderen Stelle kann dieses Stilmittel für eine Ausweitung der Perspektive stehen. Frage dich, was das lyrische Ich gerade erlebt, woran es sich erinnert, worüber es spricht oder nachdenkt. Wenn du dich ganz auf das Gedicht einlässt, fällt es dir leichter, die Wirkung der sprachlichen Mittel zu bestimmen.

Tipps zur Analyse der Sprache

  • Lege dir eine Liste mit den wichtigsten Stilmitteln an und notiere bei jedem Fachbegriff ein eigenes Beispiel. Auch Karteikarten eigenen sich gut zur regelmäßigen Wieder­holung wichtiger sprachlicher Mittel.
  • Suche nach Gedichten, zu denen dir eine Musterinter­pre­tation vorliegt. Lege die Lösung zunächst beiseite und führe eigenständig eine Analyse der sprachlich-stilistischen Gestaltung durch. Schreibe hierzu auffällige sprachliche Mittel neben den Text und vergleiche deine Ergebnisse im Anschluss mit der Musterlösung. Besonders viele rhetorische Figuren lassen sich übrigens in Barockgedichten finden. Diese eigenen sich daher besonders gut zum Üben.
  • Manchmal lassen sich in einem Gedicht nicht alle sprachlichen Auffälligkeiten mit einem bestimmten Fachbegriff benennen. Versuche dann zu umschreiben, worin das Besondere der sprachlichen Gestaltung an dieser Stelle besteht.
  • Je intensiver du dich mit einem Gedicht beschäftigst, desto mehr Stilmittel werden dir auffallen. Triff vor der Abfassung deiner Lösung eine Auswahl an sprachlichen Mitteln, die dir auf inhaltlicher Ebene besonders relevant erscheinen.

Im Rahmen der Gedichtanalyse hast du dich intensiv mit Inhalt, Form und Sprache eines Gedichts beschäftigt. Wie du weiter vorgehst, hängt auch von der Aufgabenstellung ab. Sollst du das Gedicht interpretieren? Dann musst du deine Analyseergebnisse zusammenführen und das Textganze in den Blick nehmen. Deine Deutung soll dabei zu einem tieferen Verständnis des lyrischen Textes beitragen. Wie du einen Deutungsansatz entwickelst, erklärt dir unser Beitrag Eine Gedichtinterpretation schreiben: Infos und Tipps.

Wie bereite ich mich auf die Gedichtanalyse vor? Allgemeine Tipps

  • Finde deinen eigenen Weg bei der Gedichtanalyse! Die oben angeführte Schritt-für-Schritt-Anleitung ist als Orientierungshilfe gedacht. Weiche von diesem Schema ab, wenn ein anderes Vorgehen für dich besser ist. Wenn es dir etwa Sicherheit verleiht, dich zuerst mit der Form des Gedichts zu beschäftigen, solltest du als Erstes die formale Analyse durch­führen.
  • Suche nach lyrischen Texten von bekannten Dichterinnen und Dichtern. Triff eine Auswahl und drucke mehrere Gedichte aus. Nimm dir regelmäßig ein Gedicht vor und führe eine Analyse in Bezug auf Inhalt, Form und Sprache durch. Auf diese Weise schulst du dein Auge für besondere Merkmale lyrischer Texte.
  • Nutze bei deinem Training zur Gedichtanalyse Musterlösungen. Ziehe diese Lösungen aber erst heran, nachdem du ein Gedicht eigenständig untersucht und deine Ergebnisse notiert hast. Durch einen Vergleich deiner Analyse mit dem Lösungsvorschlag kannst du überprüfen, wie sicher du im Umgang mit lyrischen Texten bist.

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